Die Macht der Worte nutzen
mit
Oliver Groß

Signatur Oliver Groß - Rhetoriktrainer, Rhetor, Mentor, Vortragsredner, Erzählphilosoph, & Autor

Eigentum verpflichtet – Wissen aber auch!

Eigentum verpflichtet – Wissen aber auch!

Der Vater fragte seinen Sohn: “Stell dir vor, du sitzt in einem vollbesetzten Bus und an der nächsten Haltestelle steigt eine alte Dame zu – was machst du dann?“ „Papa, dann mach ich es genau wie du – ich stelle mich auch schlafend!“

Eigentlich alles im grünen Bereich, der Kongress geht seinen gewohnten Gang. Die Expertinnen und Experten berichten von ihren neuesten Erkenntnissen und Erfahrungen, ihren Wissensfortschritten und Errungenschaften. Alle halten sich an die niemals in Frage gestellte Regel und unausgesprochene Vereinbarung: Wir reden in der Sprache und mit den Worten und Begriffen, wie in unserem Fachbereich üblich – es ist eben eine Fachsprache, PUNKT

Und wieder: Eigentlich alles in Ordnung, wenn da nicht die allabendlichen Nachrichten, Talkshows und Diskussionsrunden wären. Und hier empören sich die gleichen Fachleute über die Falschmeldungen, Fake-News sowie unseriösen Statements ohne fachlichen Hintergrund – selbstverständlich darf die scharfe Kritik an allen Medien inkl. sozialen Medienplattformen nicht fehlen.

Doch zu spät! Gerade in der Coronapandemie zeigte es sich, wie schnell unwissenschaftliche Meinungen und auch Verschwörungstheorien erst das Land spaltete und dann wichtige Maßnahmen – wie das Impfen – verlangsamte! Grund genug die anfangs erzählte Geschichte zu nutzen und statt sich schlafend zu stellen, genauer hinzuschauen.

Die Deutungshoheit aus der Hand gegeben

Schnell ist es passiert und schon wird durch das Nicht-verstehen und Nachvollziehen von Sachinhalten die Deutungshoheit aus der Hand gegeben. Die scheinbar einfachen Lösungen gewinnen die Oberhand. Das hat zur Folge, dass Wissenschaft wie auch Politik  immer häufiger in die Defensive geraten. Nicht selten mit dem  Ergebnis „reagieren statt gestalten“. Doch umgekehrt wird ein Schuh draus. Um Fakten verständlich und akzeptabel zu übermitteln, braucht es stringente Strukturen und eine klare Kernbotschaft. Aber eben nicht nur das „Wie“ (Art und Weise), sondern vor allem auch das „Was“ (Inhalt und Schlüssigkeit) sind entscheidend – Inhalt vor Performance!

Unbestritten besteht dringender rhetorischer Nachholbedarf bei Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Dazu gehört auch Redner und Rhetoriker zu unterscheiden.

Redner, die unfallfrei ein paar Sätze zu Statements und Verlautbarungen formulieren, gibt es wie Sand am Meer! Rhetorikerinnen und Rhetoriker dagegen viel zu selten. Sie unterscheiden sich von Rednern dadurch, dass sie sich bewusst machen, was ihre Worte bewirken können und könnten. Kurz, es geht um den gewissenhaften wie sorgfältigen Umgang mit Worten und Wissen!

Wissen raten oder Wissen schaffen – das ist hier die Frage

Und da sind sie, die entscheidenden Fragen: Will man die Deutungshoheit über wichtige Themen wirklich allen Akteuren der sozialen Medien ganz ungefiltert überlassen? Will man sich weiterhin dem Trend ergeben: Wer nur oft und laut genug in den Medien auftritt, muss Recht haben? Sind Performance und Show wichtiger als Inhalt, Nachvollziehbarkeit und logischer Schluss?

Reicht es wirklich aus, sich hinterher darüber zu echauffieren, dass dies nicht alles richtig ist und allen Erfahrungen oder wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen? Oder dass man nicht gefragt wurde und die anderen sowieso nichts wissen! Ist es nicht eher so, dass Wissenschaft, Politik und Wirtschaft die Verpflichtung haben, alles zu tun, um wichtige und zeitgemäße Aufklärung verständlich und nachvollziehbar zu kommunizieren? – Frei von Eitelkeiten und zwanghaftem Perfektionismus!

Eigentum verpflichtet, Wissen aber auch!

Perspektivwechsel: Sehr ausführlich beschreibt Artikel §14 unseres Grundgesetzes: Was uns gehört, darf uns niemand wegnehmen. Der Artikel sagt aber auch: Eigentum ist eine Verpflichtung. Eigentum soll so genutzt werden, dass es allen nützt.

Bedeutet das nicht auch, dass alle, die Nutznießer von guter Bildung und Förderung verschiedener Art waren, eine Verpflichtung haben, ihr Wissen so (mit)zuteilen, dass es die Gesellschaft eint und ihr dient? Eigentum verpflichtet, Wissen aber auch!

 Die Aufgabe der Rhetorik

Aristoteles beschrieb die Rhetorik sehr treffend: Rhetorik ist eine Kunst der Überzeugung und nicht der Überredung! Es geht also nicht – wie immer noch viele denken – um eine Performance der äußerlichen Darstellungskunst, sondern darum „das Überzeugende, das jeder Sache innewohnt, zu erkennen, zu ordnen und sprachlich zu gestalten“.

Corona hat es entlarvt – noch nie war seriöse Rhetorik so wichtig

Es ist an der Zeit, dass jene, die Wissen haben, es auch jedem zur Verfügung stellen. Es ist an der Zeit, die Rhetorik so zu nutzen, dass sie ihrer Aufgabe gerecht werden kann.

Dazu muss man sie nur nach der 4be-Regel prüfen: begeistern, berühren, befähigen und bewegen. Bei 2 der 4be´s lohnt es sich besonders hinzuschauen.

Begeistern ist nicht zwingend laut. Es gibt auch eine weniger bekannte und doch andere sowie leise Form der Begeisterung in der Rhetorik: „Geben Sie Ihren Zuhörern mehr als sie erwarten.“ Mehr geben als erwartet können z.B. Agieren auf Augenhöhe, einfache Praxisbeispiele (Stilmittel), klare nachvollziehbare Strukturen, sprachliche Eloquenz sowie Nahbarkeit und Empathie sein.

Befähigen Es gibt in der Befähigung die 5 Wirkungen des rhetorischen Wissenstransfers:

Spiegel-, Modell- und Mediatorfunktion, Traditionsträger und Depotwirkung. Vor allem die Spiegelfunktion und Depotwirkung spielen für den Wissenstransfer eine bedeutende Rolle. 

Spiegelfunktion: Hier sieht sich der Zuhörer als Beteiligter, es geht ihn an (unterstützt die 4be-Regel = berühren). Der Zuhörer entdeckt sich und seine Lebens- wie auch Alltagswelt und fühlt sich dadurch direkt angesprochen.

Depotwirkung: Das Nachhaltigste, was die Rhetorik zu bieten hat. Diese Wirkung ermöglicht es, dass die Zuhörer in der Lage sind, sich noch sehr lange und detailliert an die Inhalte und Argumente zu erinnern und diese auch abzurufen.

Gewinnen, ohne siegen zu müssen

Unsere Zeit hat viele große, wichtige Themen, die über unsere Zukunft entscheiden:

  • Ökologie (Klima, Umwelt, Energiewende…)
  • Ökonomie (globale Wirtschaft, Werte…).
  • Arbeits- und Lernwelt und ihre Veränderung  (Home-Office, New Work, AHA-lernen, etc.)
  • Generationen und Gesellschaft (Sinnstiftung, Werteorientierung)

Jedes Thema allein ist schon eine Mammutherausforderung an unsere Gesellschaft bei der Umsetzung oder dem Schaffen einer breiten Akzeptanz. Sie anzugehen erfordern ein universelles rhetorisches Geschick, wenn Sie Ihre Mitmenschen erreichen wollen oder müssen.

Klar, präzise auf den Punkt!

Raus aus der sprachlichen Komfortzone der Wissenschaft, Politik und Wirtschaft und hin zu einer wirkungsvollen Rhetorik. Gewinnen wir die Menschen zurück, damit sie sich den Themen unserer Zeit aktiv, lösungsorientiert und mutig zuwenden. Das gilt vor allem in Zeiten des Umbruchs. Machen Sie es nicht wie der Vater aus der Eröffnungsgeschichte und stellen sich schlafend, sondern stehen wir alle auf und machen Platz für das, was aufklärt, die Gesellschaft eint und stark macht!

o.g. 2022©